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Fall 27 - Bis das Sorbische ganz verstummt ist
Der Autor sieht Ausgrenzung und Benachteiligung viel mehr auf der Seite der ethnischen Minderheit.

Von Dr. Martin Walde

Dr. phil. Martin Walde aus Neschwitz wirbt seit Jahrzehnten für ein gutes Miteinander von Sorben und Deutschen in der Lausitz. Er beklagt, dass die Attacken auf die Minderheit deutlich in der Mehrheit sind.

Räckelwitz/Neschwitz. Wie wir neulich in der SZ in einem Artikel über Ausgrenzung von deutschen Dorfbewohnern in Räckelwitz lesen konnten, bleibt die Gleichberechtigung oder Anerkennung des Sorbischen in der Öffentlichkeit ein äußerst sensibler Gegenstand. Rechtlich ist das Sorbische dem Deutschen gleichgestellt. Allerdings gilt das wohl nur formell. Ständig stoßen Sorben im Alltag auf Grenzen. Denn das Recht, das Sorbische öffentlich zu verwenden, bleibt überall eingeschränkt. Das beginnt schon mit behördlichen Unterlagen, Formularen usw., die nur in deutscher Sprache ausgefertigt sind.

Und immer spielt die Psychologie eine große Rolle. Denn der Mut zum öffentlichen Gebrauch des Sorbischen hängt von deren tatsächlichen Wertschätzung durch die deutsche Mehrheitsbevölkerung ab, die sich seit Jahrhunderten überall tendenziell abschwächt. Schuld an seinem geringen Prestige sind die beharrlichen Vorurteile und diskriminierenden Übergriffe, die es nur selten in die Zeitungen schaffen, was nicht bedeutet, dass sie seltener sind. Von der Mehrheit wird es kaum wahrgenommen. Wie viele Menschen vertreten die Auffassung, das Sorbische gehöre nicht hierher: In Deutschland wird deutsch gesprochen. Wer aber ist in der Lausitz der Fremde? Allein schon diese schlichte Frage hat es in sich und macht sprachlos. Die Sicht auf das Sorbische ist überlagert mit Klischees, mit Bildern, mit Vorurteilen. Als Urbewohner der Lausitz sind die Sorben ständig einem Rechtfertigungsdruck ausgesetzt. Sorbische Kruzifixe werden zerstört, sorbische Straßennamen auf zweisprachigen Straßenschildern überschmiert, öffentliche Bauten mit neonazistischen, antisorbischen Parolen beschmiert.

Immer wieder Angriffe

Sorbische Jugendliche werden überfallen mit Rufen wie „Scheiß Sorben!“, einem sorbischen Amateurfußballer wird vom Trainer verboten, sich mit seinen sorbischen Bekannten sorbisch zu unterhalten. Einer Auszubildenden wird von der Lehrerin vor ihren Mitschülern gesagt, „mit euch Sorben werden wir noch fertig“. Eine Schülerin des Sorbischen Gymnasiums wird auf dem Weg zum Unterricht von zwei Jugendlichen bespuckt mit den Worten: „Kleine dreckige Sorbenschlampe. Vor 60 Jahren hätte man dich ins KZ gesteckt und vergast.“ Sie habe aber keine Anzeige erstattet. Warum auch? Selten werden Ermittlungen aufgenommen. Falls doch, werden sie aus Mangel an Beweisen eingestellt. Die Staatsanwaltschaft sieht wegen des Rechts auf freie Meinungsäußerung oder wegen Geringfügigkeit angeblich keine Handhabe. Als beispielsweise in einer öffentlichen Veranstaltung der Räckelwitzer Mittelschule und des Sorbischen Gymnasiums Bautzen über diese Probleme gesprochen wurde, stellten die Schüler fest, dass die Aggressivität und das Unverständnis gegenüber den Sorben in der Lausitz viel größer ist, als es die Mehrheit der Bevölkerung glauben mag. Wer sich also den normalen Alltag in dem sorbisch verbliebenen „katholischen Gebiet“ der Sorben anschaut, dem wird bald deutlich, dass es mit der viel beschworenen kulturellen Toleranz und Bikulturalität nicht weit her ist.

Bikulturell ist in der zweisprachigen Lausitz in der Regel nur der Sorbe, weil er sorbisch und ganz normal auch deutsch spricht, was umgekehrt für die meisten deutschen Lausitzer eben nicht selbstverständlich ist. Die Zahl derer, die innerhalb der sorbischen katholischen Region leben und sich als ethnische Deutsche bezeichnen und die sorbische Sprache erlernt haben, liegt unter einem Prozent. Der Grund, warum es meist zu keinen dramatischeren Zwischenfällen kommt, liegt wohl darin begründet, dass sich der Sorbe seit jeher eher zurückzieht. Das heißt, der Sorbe spricht mit seinesgleichen in öffentlichen Räumen – ob in öffentlichen Verkehrsmitteln, Einkaufszentren, beim Amateurfußball, bei der freiwilligen Feuerwehr oder in den Vereinen, selbst überall dort, wo Sorben sogar in der Überzahl sind– nur verstohlen in der Muttersprache oder lieber gleich deutsch, um nicht als Sorbe aufzufallen. So werden Ungleichbehandlung, Diffamierung und Benachteiligung der Sorben kaum wahrgenommen und gern als Bagatelldelikte behandelt und ad acta gelegt. Von Sorben selbst werden solche Konflikte in der Regel schweigend hingenommen, sei es, weil man sich nicht traut oder weil man sich ohnehin keine Unterstützung und Besserung erhofft. Konkrete Untersuchungen sind jedoch alarmierend: Das Sorbische ist außer in der katholischen Region in der Lausitz nahezu zum Verschwinden gebracht. Und mittlerweile bröckelt es auch hier stark. Nach allem, was geschehen ist und geschieht, ist es wohl nicht übertrieben zu fragen, ob die deutsch-sorbischen Konflikte solange bleiben müssen, bis auch der letzte Sorbe verstummt ist ...

Quelle: Kamenzer SZ (5.4.2016) von Dr. Martin Walde